Kick-Off Ruhrmoderne, Jan 2016, Marl

Kick-Off Ruhrmoderne war ein dreitägiges Treffen (14-16. Januar 2016) von ExpertInnen und Fachleuten in der Stadt Marl als Vorbereitung und Startschuss des Projekts Ruhrmoderne.

Dass Programm umfasste ein Expertentreffen in Marl und eine Exkursion durch das nördliche Ruhrgebiet, an denen innovative Architekten, Künstler und Wissenschaftler aus Nordrhein-Westfalen, Vertreter der Regional- und Landschaftsverbände sowie der Kommunen im Ruhrgebiet teilnahmen. Ziel war es, die sich bereits mit dem Thema befassenden Kräfte zu bündeln und konkrete Handlungsschritte für die Konzeptentwicklung der Ruhrmoderne vorzubereiten. Insgesamt haben 22 Personen am Kick-Off-Treffen der Ruhrmoderne teilgenommen. Ihnen allen sei aufrichtig gedankt für die äußerst produktiven drei Tage!

Exkursion

Am ersten Tag sind wir TouristInnen. Staunende. Die besichtigten Gebäude in Herne, Castrop-Rauxel und Wulfen-Barkenberg präsentieren die unterschiedlichen Zustände der Ruhrmoderne: versteckt, gut im Schuss, restauriert, leer, geschützt, halb verfallen und halb interessant. Ungeachtet des Zustandsjedoch kann man an den Gebäuden sehr genau den Geist einer Epoche ablesen, wie auch den Glauben in das Vermögen einer Gesellschaft, das sich in diesem speziellen Fenster der Ruhrmoderne zeigt.

Beim Betrachten der Gebäude kommt die Frage auf: Was zählt wirklich zur Ruhrmoderne? Beim Wulfener Markt von Josef Paul Kleihues ist man sich sicher, dass er zur Postmoderne zählt, aber wie steht’s um die Verwackelte Torte? Eine weitere Frage ruft das Habiflex hervor: Was macht man mit und aus der Ruhrmoderne? Ein Betonberg voller Experimentierfreude scheitert an schlechter Detaillierung und verstrickten Eigentumsverhältnissen. Wiederum sind es gerade diese Eigentumsverhältnisse, die das Gebäude bislang vor dem Abbruch bewahrt haben.

Die Exkursion selbst liefert aber auch Antworten. Die hohe Qualität des Raumes, die Verbundenheit der ExkursionsleiterInnen mit den Objekten und ihre Geschichten geben einen Einblick in das große touristische Potential der Ruhrmoderne.

Denkfabrik

Die Wege zur Konzeptentwicklung waren das Hauptthema dieses Tages, wobei die Ankerpunkte des Konzepts besprochen und wesentlich weiterentwickelt wurden. Ein wichtiger, wenn nicht sogar der wichtigsteTeil ist das Narrativ. Es soll die Geschichte von einem Gebiet erzählt werden, das seinen Reichtum nicht anhäuft, keine Goldbarren in Schweizer Tresoren stapelt, sondern mit seinem Reichtum Schulen, Hallenbäder und Rathäuser baut, um so Werte für die Zukunft zu schaffen. Dieses Narrativ muss weitergeschrieben werden, um die alten und neue Kräfte zu aktivieren.

Kickoff-Treffen Marl

Ein weiterer, eng mit dem Narrativ zusammenhängender Hauptpunkt ist die Kommunikation. Der zum Teil miserable Zustand von Objekten der Ruhrmoderne liegt auch am Nicht-Erkennen des wahren Werts. Das Gold ist verwittert und braun. Eine gute Kommunikation poliert jedoch nicht nur das Image, sondern mit dem Image gleich den Bestand der Ruhrmoderne. Also nicht nur „Polish my Modernity“, sondern auch „Pimp my Modernity“ und “Progress my Modernity”. Die Kommunikation soll uns mitnehmen auf eine Entdeckungsreise. Sie ist die Dokumentation einer Expedition in eine vergessene Zeit, mit fantastischen Träumen und Voraussichten. Der Bericht von der Ruhrmoderne soll anspornen, soll Hoffnung und Lust auf die Zukunft machen.

Der Hauptpunkt des Konzepts ist die Aktivierung des Raums. Die Ruhrmoderne ist faszinierend und geheimnisvoll, aber ohne Programmierung bleiben viele Objekte eben nur das. BewohnerInnen, Betriebe und Institutionen müssen Potentiale in den Beispielen der Ruhrmoderne sehen und bereit sein, in diese Immobilien zu investieren. Man muss seinen Betrieb, sein Zuhause, seinen Arbeitsplatz oder seine Freizeit in den Gebäuden erkennen. Um das zu verdeutlichen, werden im Rahmen eines Labors reelle Modellprojekte gestartet. Dabei werden auch die technischen und rechtlichen Möglichkeiten ausgelotet. So kann der Raum langfristig aktiviert werden, und nur so kann die Ruhrmoderne weiterleben. Dazu braucht es Experimentierwillen von allen Seiten, von Bevölkerung, Betrieben und Institutionen genauso wie von Seiten der Behörden. Experimentierwille kostet meist nichts außer Risikobereitschaft, und diese kann mittels Übungen und Trainings erworben werden.

Der wichtigste erste Schritt und Basis für das gesamte Projekt ist die Bestandsaufnahme. Erst eine fundierte und kritische Bestandsaufnahme zeigt die Größenordnung Ruhrmoderne auf und macht das Erbe zugänglich. Die Bestandsaufnahme umfasst nicht nur das Zählen, Ordnen und Kategorisieren der vorhandenen modernen Architekturen, Masterpläne und Landschaften, sondern auch die kritische Auseinandersetzung mit deren Ambitionen, Träumen und des Geistes der Ruhrmoderne. Die Bestandsaufnahme ist kein bürokratischer Akt, sondern Dokumentation einer Entdeckungsreise und gleichzeitig friedliche Landnahme. Mit jedem Objekt erweitert sich die Ruhrmoderne, und mit der räumlichen Erweiterung steigt ihr Potential.

Expertentreffen

Am dritten Tag werden alle Ideen auf den Tisch gelegt und kritisch betrachtet. Der Ansatz des Ruhrmoderne-Projektes ist klar, die Dringlichkeit deutlich, das Ausmaß und die Organisation noch nicht. Das braucht Zeit. Es wird vorgeschlagen, innerhalb von zwei Jahren ein fundiertes Konzept zu entwickeln und eine handlungskräftige Organisation aufzubauen. Die Notwendigkeit der am Vortag besprochenen drei Hauptpunkte des Konzepts: Kommunikation, Labor und Bestandsaufnahme wird bestätigt und schärfer umrissen. Vor allem die Bestandsaufnahme wird ausführlich besprochen, weil es das konkreteste und dringlichste Vorhaben ist.

Der entscheidendste Punkt in der Kommunikation nach außen ist das Narrativ. Dabei geht es um die Idee der Zeit, die man definieren muss, um das Entwerfen einer Klammer zu ermöglichen, die es schafft, die Vergangenheit an die Zukunft zu heften. Eine kritische Reflektion schafft Orientierung, um die Klammer an der richtigen Stelle anzusetzen. Die Ruhrmoderne ist nicht nur wichtig für das Ruhrgebiet. Die Moderne liegt in der gesamten Bundesrepublik, ja auch international in der Luft. Das Projekt Ruhrmoderne hat das Potential, sich zu einem Pilotprojekt mit internationaler Vorbildwirkung zu entwickeln.